Auf einen Blick
- FotografenJosef Seidel und sein Sohn František
- SammlungZehntausende Glasplattennegative
- MotiveStadt, Dörfer und Menschen im Böhmerwald vor 1945
- ZustandAtelier, Dunkelkammer und Einrichtung erhalten
- Dauer des Besuchs1 bis 1,5 Stunden
Ein Betrieb, der sich selbst archiviert hat
Josef Seidel baute in Krumau ein Fotogeschäft auf, wie es damals in vielen Kleinstädten existierte: Porträts im Atelier, Hochzeiten, Vereinsbilder, dazu Ansichtskarten aus der Umgebung. Sein Sohn František führte den Betrieb weiter. Ungewöhnlich ist nicht das Geschäft, sondern die Ordnung: Negative, Bücher und Bestellungen wurden über Jahrzehnte systematisch aufbewahrt, statt entsorgt zu werden.
Deshalb existiert heute ein Bildbestand, der die Region nicht als Landschaft zeigt, sondern als bewohnten Ort: Bauernfamilien, Holzarbeiter, Kinder in Sonntagskleidung, Wirtshäuser, Kirchweihen. Für viele der abgebildeten Dörfer sind diese Platten die einzigen Bilder, die es überhaupt gibt.
Was dieses Archiv so schwer macht
Der Böhmerwald war bis 1945 überwiegend von deutschsprachiger Bevölkerung bewohnt. Nach Kriegsende wurde sie vertrieben, und in den Jahrzehnten danach lag die Region im militärischen Sperrgebiet an der Grenze zum Westen. Viele Dörfer wurden aufgegeben und abgerissen, Kirchen verfielen, ganze Ortslagen verschwanden aus der Karte.
Die Aufnahmen aus dem Atelier zeigen diese Orte, wie sie vorher aussahen, ohne Kommentar und ohne Pathos. Das Museum stellt sie sachlich aus und stellt die Bilder in ihren Zusammenhang, statt sie zu bebildern oder zu deuten. Genau diese Zurückhaltung macht den Besuch stark.
Der Laden im Erdgeschoss zeigt, dass das hier ein Geschäft war und kein Kunstprojekt: Preislisten, Musterbücher, Rahmen und Alben. Fotografie war teuer, und ein Porträt war für viele Familien ein Ereignis, das einmal im Leben stattfand. Genau deshalb sitzen die Menschen auf den Bildern so aufrecht und feierlich da.
Wie damals fotografiert wurde
Im Obergeschoss liegt das Atelier unter einem großen Glasdach, denn elektrisches Licht spielte für die Aufnahme lange keine Rolle. Fotografiert wurde mit Tageslicht, langen Belichtungszeiten und Kopfstützen, damit die Porträtierten still blieben. Gemalte Hintergründe, Stühle und Requisiten standen bereit und wurden je nach Anlass gewechselt.
Das Bild entstand auf einer beschichteten Glasplatte, die in der Dunkelkammer entwickelt wurde. Diese Platten sind der Grund, warum die Aufnahmen heute so scharf sind: Der Bestand ist kein Stapel vergilbter Abzüge, sondern ein Negativarchiv, aus dem sich jederzeit neue Bilder ziehen lassen.
Wie der Besuch abläuft
Das Haus ist klein, deshalb geht es in überschaubaren Gruppen oder mit Begleitung durch die Räume: Ladengeschäft, Wohnbereich, Dunkelkammer und das Atelier im Obergeschoss mit Glasdach und gemalten Hintergründen, das vom Tageslicht lebte. Rechne mit gut einer Stunde. Weil das Museum außerhalb des Kerns liegt, ist es selbst mittags ruhig, während sich in der Altstadt die Gruppen stauen.
Gut kombinieren lässt es sich mit dem Egon Schiele Art Centrum: einmal die gemalte, einmal die fotografierte Stadt. Wo beides in der Tagesplanung steht, zeigt die Übersicht der Sehenswürdigkeiten, und als Regenplan taucht das Haus auch bei den Tipps auf.
Gut zu wissen: Es ist ein Museum über verlorene Orte und über Menschen, die ihre Heimat verloren haben. Fototipps und Suche nach dem besten Motiv sind hier fehl am Platz. Wer Vorfahren aus der Region hat, kann nach Aufnahmen fragen, denn das Archiv wird erschlossen und ist zu großen Teilen recherchierbar.
Wenn es nicht klappt
- Wenn es voll istFast nie ein Problem, weil das Haus abseits der Bustouren liegt. In der Hauptsaison kann es trotzdem sinnvoll sein, vorab nach freien Zeiten zu fragen, denn die Räume sind klein.
- Wenn es regnetIdeal bei Regen: kurzer Weg aus dem Kern, danach ein bis eineinhalb Stunden komplett im Haus.
- Mit KindernFür ältere Kinder interessant, weil die Technik anschaulich ist: Glasplatten, Balgenkamera, Dunkelkammer. Für kleine Kinder ist der Rundgang zu ruhig.
- Mit eingeschränkter MobilitätHistorisches Wohnhaus mit Treppe ins Atelier im Obergeschoss. Frage vorab, welche Räume stufenfrei erreichbar sind, wenn du nicht gut steigen kannst.
Häufige Fragen
Was ist das Museum Fotoatelier Seidel?
Das erhaltene Wohn- und Atelierhaus der Fotografen Josef und František Seidel in Český Krumlov. Zu sehen sind Ladengeschäft, Dunkelkammer und das Glasdachatelier mit originaler Ausstattung, dazu ein Archiv mit zehntausenden Glasplattennegativen aus dem Böhmerwald. Es liegt wenige Minuten südlich der Altstadt und ist deshalb selbst mittags ruhig.
Warum ist das Seidel-Archiv historisch so wichtig?
Weil es Orte zeigt, die es nicht mehr gibt. Nach 1945 wurde die deutschsprachige Bevölkerung des Böhmerwaldes vertrieben, viele Dörfer im späteren Grenzsperrgebiet wurden aufgegeben und abgerissen. Für zahlreiche dieser Ortschaften sind die Seidel-Aufnahmen die einzigen erhaltenen Bilder.
Wie lange dauert der Besuch im Fotoatelier Seidel?
Rechne mit einer guten Stunde, mit Interesse an den Bildern auch mit anderthalb. Das Haus ist klein und wird in überschaubaren Gruppen gezeigt. Zusammen mit dem Egon Schiele Art Centrum ergibt sich ein sinnvoller halber Tag, weil beide Häuser dicht beieinander liegen.
Kann man im Archiv nach eigenen Vorfahren suchen?
Der Bestand wird erschlossen und ist zu großen Teilen recherchierbar, gerade für Familien mit Wurzeln im Böhmerwald. Frage im Museum nach dem Weg der Anfrage. Erwarte keine Sofortauskunft am Empfang, solche Recherchen brauchen Zeit und genaue Angaben. Je genauer du Ort und Zeitraum angibst, desto größer ist die Chance auf einen Treffer.





