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Jüdisches Erbe in Tschechien

Jüdisches Leben in Böhmen und Mähren ist mehr als achthundert Jahre alt, und es wurde zwischen 1939 und 1945 fast vollständig ausgelöscht. Was heute zu sehen ist, sind Synagogen ohne Gemeinde, ummauerte Friedhöfe, ein Stadtviertel in Prag, ein zweites in Třebíč und die Festungsstadt Terezín, in der die Deportationen aus dem Protektorat begannen.

Diese Orte sind keine Sehenswürdigkeiten im üblichen Sinn. Sie sind Gebetsräume, Grabstätten und Gedenkstätten, betreut von Gemeinden, Museen und Erinnerungsinstitutionen mit klaren Regeln. Diese Seite erklärt, was hinter den Bauten steht, was dich an den einzelnen Orten erwartet und wie du dich dort verhältst.

Jüdisches Erbe in Tschechien
Foto: John Williams, CC BY 2.0 · Wikimedia Commons

Auf einen Blick

  • Altneusynagoge PragUm 1270 errichtet, bis heute in Gebrauch
  • Alter Jüdischer FriedhofBelegt bis 1787
  • Pinkas-SynagogeKnapp 78.000 Namen an den Wänden
  • TřebíčJüdisches Viertel seit 2003 UNESCO-Welterbe
  • TerezínGestapo-Gefängnis ab 1940, Ghetto ab 1941
  • ÖffnungSamstags und an jüdischen Feiertagen geschlossen

Achthundert Jahre Gemeinden in Böhmen und Mähren

Jüdische Kaufleute sind in Prag bereits im 10. Jahrhundert bezeugt. Die Altneusynagoge entstand um 1270 und ist damit die älteste Synagoge Europas, in der bis heute regelmäßig Gottesdienst gehalten wird. Aus dem Mittelalter stammt auch die Grundstruktur vieler mährischer Gemeinden: ein eigenes Viertel, eine Synagoge, ein Friedhof außerhalb der Stadt, eine Schule.

Die Geschichte verlief in Wellen aus Duldung und Vertreibung. 1541 und erneut 1744 wurden die Juden aus Böhmen ausgewiesen und kehrten später zurück. Das Toleranzpatent Josephs II. lockerte ab 1781 einen Teil der Beschränkungen, die volle rechtliche Gleichstellung kam erst im 19. Jahrhundert. Danach zogen viele Familien aus den engen Vierteln fort, sprachen Deutsch, Tschechisch oder beides und prägten Wirtschaft, Wissenschaft und Literatur der Länder mit. Nach dem Prager Judenviertel, das 1850 zum Stadtteil Josefov wurde, ist bis heute ein ganzer Bezirk benannt.

Die Vernichtung zwischen 1939 und 1945

Im März 1939 besetzte die Wehrmacht die böhmischen Länder, das Protektorat Böhmen und Mähren entstand. Es folgten Berufsverbote, Enteignung, Kennzeichnung und Ausgrenzung aus dem öffentlichen Leben. Ab Herbst 1941 begannen die Deportationen, zunächst nach Łódź, ab November 1941 in das neu eingerichtete Ghetto Terezín, von dort weiter in die Vernichtungslager im besetzten Polen.

Ermordet wurden knapp 78.000 Jüdinnen und Juden aus Böhmen und Mähren. Ihre Namen stehen an den Wänden der Prager Pinkas-Synagoge. Die Gemeinden verschwanden fast vollständig, Synagogen wurden zerstört, als Lager genutzt oder nach 1948 dem Verfall überlassen. Dass in Třebíč oder Boskovice ganze Viertel erhalten blieben, liegt daran, dass niemand mehr da war, der sie hätte umbauen können.

Gut zu wissen: Fast alle jüdischen Objekte in Tschechien sind samstags und an jüdischen Feiertagen geschlossen, weil der Schabbat gilt. Wer nur ein Wochenende in Prag hat, plant den Besuch deshalb auf Sonntag bis Freitag.

Josefov: das jüdische Viertel in Prag

Vom historischen Judenviertel steht wenig. Zwischen 1893 und 1913 wurde fast der gesamte Baubestand im Zuge der sogenannten Assanierung abgerissen und durch Wohnhäuser im Stil der Jahrhundertwende ersetzt. Verschont blieben die Altneusynagoge, fünf weitere Synagogen, das jüdische Rathaus, die Zeremonienhalle und der Alte Jüdische Friedhof. Genau diese Reste bilden heute den Rundgang.

Die meisten Objekte betreut das Jüdische Museum in Prag mit einem gemeinsamen Ticket; die Altneusynagoge gehört der Gemeinde und wird separat oder in einem kombinierten Ticket abgerechnet. In der Maisel-Synagoge und der Spanischen Synagoge sind Ausstellungen zur Geschichte der Gemeinden eingerichtet, in der Klausen-Synagoge geht es um religiöse Praxis. Rechne mit einem halben Tag, wenn du wirklich lesen willst, was dort steht. Details stehen auf der Seite zu Josefov, die Einordnung im Stadtrundgang auf Prag Sehenswürdigkeiten.

Die Pinkas-Synagoge und die Namen an den Wänden

Die Pinkas-Synagoge aus dem 16. Jahrhundert ist heute die Gedenkstätte für die ermordeten böhmischen und mährischen Juden. Zwischen 1955 und 1960 wurden knapp 78.000 Namen mit Geburts- und Todesdatum von Hand auf die Wände geschrieben, geordnet nach Heimatgemeinden. Ende der 1960er Jahre ließ das kommunistische Regime die Inschriften unter dem Vorwand von Feuchtigkeitsschäden übermalen. Erst nach 1989 wurden sie mühsam rekonstruiert.

Im Obergeschoss hängen Zeichnungen von Kindern, die im Ghetto Terezín entstanden sind und dort heimlich im Unterricht gefördert wurden. Die meisten dieser Kinder wurden ermordet. Der Raum ist ein Gedenkort und kein Ausstellungsraum: leise sprechen, nicht telefonieren, keine Gruppenaufnahmen. Wo das Fotografieren untersagt ist, steht es an der Tür, und daran hältst du dich ohne Diskussion.

Der Alte Jüdische Friedhof

Der Friedhof wurde vom 15. Jahrhundert bis 1787 belegt. Weil die Gemeinde kein Land dazukaufen durfte, wurde in mehreren Schichten übereinander bestattet, an manchen Stellen bis zu zwölf Lagen tief. Daraus entstand das dicht gedrängte Feld aus rund zwölftausend sichtbaren Grabsteinen, das schief steht, weil der Boden nachgab. Hier liegt unter anderem Rabbi Jehuda Löw ben Bezalel, gestorben 1609.

Ein jüdischer Friedhof bleibt für immer ein Friedhof, er wird nicht aufgelassen und nicht umgestaltet. Männer bedecken den Kopf, am Eingang liegen Kippot bereit. Geh nicht über die Gräber, lehne dich nicht an die Steine, nimm nichts mit. Die kleinen Kiesel auf den Grabsteinen sind ein Zeichen des Gedenkens, keine Dekoration; Zettel und Steine bleiben liegen. Essen, Trinken und lautes Gespräch sind hier fehl am Platz.

Achtung: Auf jüdischen Friedhöfen und in Gebetsräumen gelten Kleidungs- und Verhaltensregeln, die nicht verhandelbar sind: bedeckter Kopf für Männer, bedeckte Schultern, Ruhe und keine Aufnahmen dort, wo es untersagt ist. Wer das als Zumutung empfindet, sollte diese Orte nicht betreten.

Třebíč: ein vollständig erhaltenes Viertel

In Třebíč in der Vysočina steht das besterhaltene jüdische Viertel Mitteleuropas. Rund 120 Häuser, zwei Synagogen, Schule, Rabbinat, Armenhaus und Gerbereien liegen zwischen Fluss und Felshang so dicht beieinander, dass die Sozialstruktur einer Gemeinde bis heute ablesbar ist. Seit 2003 steht das Viertel gemeinsam mit der Prokopius-Basilika auf der UNESCO-Welterbeliste, ausdrücklich als Ensemble und nicht als Einzelbau.

Die Vordere Synagoge dient heute einer christlichen Gemeinde, die Hintere Synagoge ist mit ihren wiederhergestellten Wandmalereien zugänglich und zeigt eine Ausstellung. Daneben lässt sich ein eingerichtetes jüdisches Wohnhaus besichtigen. Der große Friedhof am Hang oberhalb der Stadt hat rund dreitausend Grabsteine, die ältesten aus dem 17. Jahrhundert, und eine Zeremonienhalle. Eine jüdische Gemeinde gibt es in Třebíč nicht mehr; die Gassen sind normale Wohnstraßen, in denen Menschen leben.

Mikulov und Boskovice in Mähren

Mikulov war jahrhundertelang Sitz des mährischen Landesrabbiners und damit das religiöse Zentrum Mährens. Von den einst zahlreichen Bethäusern steht noch die Obere Synagoge, ein Bau des sogenannten polnischen Typs mit vier Mittelsäulen, heute restauriert und mit einer Ausstellung versehen. Der Friedhof zieht sich über einen ganzen Hang und zählt zu den größten des Landes, mit einem eigenen Bereich für die Gräber der Rabbiner.

In Boskovice nördlich von Brünn ist ebenfalls ein zusammenhängendes Ghettoviertel erhalten, mit einer Synagoge aus dem 17. Jahrhundert, Mikwe und einem sehr großen Friedhof. Beide Orte lassen sich mit einer Reise durch Südmähren oder von Brünn aus verbinden. Kleinere Synagogen und Friedhöfe im Land sind oft nur zu festen Zeiten oder nach Voranmeldung offen; den Schlüssel verwaltet meist die Stadt oder die Föderation der jüdischen Gemeinden.

Terezín: Ghetto und Gestapo-Gefängnis

Terezín, deutsch Theresienstadt, wurde Ende des 18. Jahrhunderts als Festungsstadt angelegt. 1940 richtete die Gestapo in der Kleinen Festung ein Gefängnis ein, im November 1941 wurde in der Hauptfestung das Ghetto eingerichtet. Rund 140.000 jüdische Menschen wurden dorthin verschleppt; etwa 33.000 starben an Hunger, Krankheit und Gewalt, rund 88.000 wurden weiter in die Vernichtungslager deportiert, von denen nur wenige Tausend überlebten.

Terezín war zugleich Instrument der Täuschung. 1944 ließ die SS für einen Besuch des Internationalen Roten Kreuzes Fassaden herrichten, Läden öffnen und einen Propagandafilm drehen. Kurz darauf gingen die Transporte nach Auschwitz weiter. Wer heute herkommt, besucht eine Gedenkstätte mit Ghettomuseum, Magdeburger Kaserne, Kolumbarium, Krematorium und der Kleinen Festung. Das ist kein Ausflugsziel, und es ist nichts, was man nebenbei zwischen zwei Stadtbesichtigungen einschiebt.

Nimm dir mindestens einen halben Tag, besser einen ganzen. Die beiden Hauptteile liegen etwa einen Kilometer auseinander. Mit dem Bus bist du von Prag aus gut eine Stunde unterwegs; Verbindungen und Führungszeiten prüfst du vorab auf der offiziellen Website der Gedenkstätte. Verzichte auf Picknick, Selbstinszenierung und laute Gespräche, und bereite Kinder vor, statt sie unvorbereitet durch die Zellen zu führen. Wie sich der Besuch in einen Tag ab Prag einfügt, steht unter Ausflüge ab Prag.

Führungen und Vorbereitung

Eine Führung ist an fast allen diesen Orten die bessere Wahl, weil die Bauten ohne Erklärung stumm bleiben. In Prag bietet das Jüdische Museum Rundgänge an, in Třebíč gehören die Führungen durch Synagoge und Wohnhaus zum Standardprogramm der Stadt, in Terezín gibt es feste Führungszeiten. In den kleineren Orten lohnt eine Anfrage im Voraus, sonst stehst du vor verschlossenen Türen.

Lies vorher wenigstens die Grundzüge der Geschichte, dann verstehst du, warum ein Friedhof zwölf Lagen tief ist und warum in Terezín Kinderzeichnungen ausgestellt sind. Weitere Bauten im Land beschreiben die Seiten zur Großen Synagoge in Pilsen, die zu den größten Synagogenbauten Europas zählt, sowie zu Kolín mit einem der ältesten Friedhöfe Böhmens.

Häufige Fragen

Muss man auf jüdischen Friedhöfen in Tschechien eine Kopfbedeckung tragen?

Männer bedecken auf jüdischen Friedhöfen und in Synagogen den Kopf. Am Eingang der Prager Objekte liegen Kippot bereit, eine Mütze oder ein Hut tut es ebenso. Für Frauen gilt keine Kopfbedeckungspflicht, in Gebetsräumen aber angemessene Kleidung mit bedeckten Schultern. Die Regeln stehen jeweils am Eingang.

Sind die Prager Synagogen samstags geöffnet?

Nein. Die Objekte des Jüdischen Museums, die Altneusynagoge und der Alte Jüdische Friedhof bleiben am Schabbat und an jüdischen Feiertagen geschlossen. Diese Feiertage folgen dem jüdischen Kalender und fallen jedes Jahr auf andere Daten, deshalb lohnt ein Blick auf die offizielle Website, bevor du den Besuchstag festlegst.

Wie viel Zeit sollte man für Terezín einplanen?

Mindestens einen halben Tag, mit An- und Abreise ab Prag realistisch einen ganzen. Ghettomuseum, Magdeburger Kaserne und Kleine Festung liegen etwa einen Kilometer auseinander, dazu kommen die Führungen. Wer nur zwei Stunden einplant, sieht Mauern und versteht nichts von dem, was dort geschehen ist.

Darf man auf dem Alten Jüdischen Friedhof in Prag fotografieren?

Für den Friedhof und die Synagogen gelten unterschiedliche Regeln, in mehreren Räumen ist das Fotografieren untersagt. Achte auf die Schilder und die Hinweise des Personals. Unabhängig davon gilt: keine posierten Aufnahmen an Gräbern und in der Gedenkstätte, kein Blitz, keine Drohnen, keine Stative im Weg.

Warum steht das jüdische Viertel in Třebíč auf der UNESCO-Liste?

Weil dort nicht nur ein einzelnes Bauwerk, sondern eine komplette Gemeindestruktur erhalten ist: rund 120 Häuser, zwei Synagogen, Schule, Rabbinat und ein großer Friedhof. Ein solches Ensemble ist in Mitteleuropa sonst nirgends geschlossen überliefert. Aufgenommen wurde es 2003 gemeinsam mit der Prokopius-Basilika.

Gibt es in Tschechien heute noch jüdische Gemeinden?

Ja, aber sehr kleine. Aktive Gemeinden bestehen unter anderem in Prag, Brünn, Pilsen, Olmütz und Ostrava; die Altneusynagoge in Prag wird weiterhin für Gottesdienste genutzt. In den meisten anderen Orten sind Synagoge und Friedhof denkmalgeschützte Zeugnisse einer Gemeinde, die es nicht mehr gibt.