Auf einen Blick
- HolašoviceUNESCO-Welterbe seit 1998
- BaustilSüdböhmisches Bauernbarock des 19. Jahrhunderts
- Hofanlagen in Holašovice23 erhaltene Höfe rund um den Anger
- Freilichtmuseum RožnovGegründet 1925
- ChodenlandElf historische Dörfer um Domažlice
- AnreiseOhne Auto meist nur mit Umsteigen
Warum es keine Bestenliste gibt
Tschechien hat einen jährlichen Wettbewerb um das Dorf des Jahres, bei dem es um Gemeindeleben, Pflege des Ortsbildes und Vereine geht, nicht um Fotogenität. Für Reisende ist er trotzdem nützlich, weil die ausgezeichneten Orte fast immer gepflegt und stolz auf sich sind. Wichtiger als jede Liste ist aber, was du sehen willst: geschlossene Bauernbarockdörfer, Weinkellergassen oder Holzarchitektur.
Diese drei Welten liegen weit auseinander. Südböhmen im Südwesten, die Weinorte im Südosten, die Walachei ganz im Osten. Kombiniere sie nicht an einem Wochenende, sondern hänge das jeweilige Dorf an eine Region, die du ohnehin bereist.
Holašovice: ein bewohntes Welterbe
Holašovice liegt knapp 20 Kilometer westlich von České Budějovice und steht seit 1998 auf der UNESCO-Welterbeliste. Um den langgestreckten Anger mit Teich und Kapelle gruppieren sich 23 Hofanlagen, deren Giebel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammen: geschwungene Voluten, Pilaster, Putzornamente, das Ganze weiß und ockergelb gestrichen. Bauernbarock nennt man diesen Stil, obwohl er hundert Jahre nach dem eigentlichen Barock entstand.
Das Dorf war bis 1945 deutsch besiedelt, wurde nach der Vertreibung fast leer und verfiel jahrzehntelang. Erst seit den 1990er Jahren ist es wieder vollständig bewohnt, heute von rund zweihundert Menschen. Genau das ist der Punkt: Hinter den Fassaden wohnen Familien, die Höfe sind privat, und Tore und Innenhöfe sind keine Ausstellungsräume. Zum Ansehen brauchst du nicht mehr als eine Stunde, sinnvoll wird der Besuch in Kombination mit Budweis oder Český Krumlov.
Achtung: Holašovice ist ein Wohndorf, kein Freilichtmuseum. Betritt keine Höfe, fotografiere nicht in Fenster und parke auf dem ausgewiesenen Platz am Ortsrand statt auf dem Anger.
Südböhmische Giebel jenseits von Holašovice
Dieselben Giebel findest du in einem ganzen Kranz von Dörfern zwischen České Budějovice und dem Teichgebiet, etwa in Plástovice oder Malé Chrášťany. Dort sind sie weniger vollständig, dafür stehst du meistens allein davor. Wer mit dem Rad unterwegs ist, kann in der flachen Landschaft leicht drei oder vier davon an einem Tag verbinden.
In die gleiche Richtung passt Třeboň mit seiner Teichlandschaft, in der die Dämme aus dem 16. Jahrhundert bis heute funktionieren. Die Gegend insgesamt beschreibt die Seite zu Südböhmen. Wer bis in den Böhmerwald weiterfährt, sieht bei Prachatice noch einmal andere Höfe, gedrungener und stärker auf Waldwirtschaft ausgerichtet.
Die Walachei und das Freilichtmuseum in Rožnov
Im Osten, in den Ausläufern der Beskiden, hat sich mit der Walachei eine eigene Kultur gehalten: Holzhäuser, Schafhaltung, Slivovice und eine Sprachfärbung, die auch Tschechen auffällt. Das Freilichtmuseum in Rožnov pod Radhoštěm wurde 1925 gegründet und ist damit eines der ältesten Europas. Es besteht aus drei Teilen: einem nachgebauten Städtchen, einem kompletten Bergdorf mit Feldern und Weiden und einem Tal mit Mühle, Säge und Walkmühle, die tatsächlich laufen.
Anders als bei vielen Freilichtmuseen sind die Gebäude Originale, die aus den umliegenden Dörfern hierher versetzt wurden. Für alle drei Teile solltest du einen ganzen Tag einplanen. Oberhalb liegt Pustevny mit den Holzbauten von Dušan Jurkovič, ein eigenwilliger Mix aus Volksarchitektur und Jugendstil, und auf dem Kamm des Radhošť stehen die Kapelle der Slawenapostel und die Radegast-Statue. Weiteres zur Region steht unter Region Zlín und bei Vsetín.
Das Chodenland um Domažlice
Die Choden waren freie Bauern, die im Mittelalter die Grenze zu Bayern bewachten und dafür Privilegien besaßen. Als die Herrschaft sie im 17. Jahrhundert kassierte, kam es zum Aufstand, dessen Anführer Jan Sladký Kozina hingerichtet wurde. Elf Dörfer rund um Domažlice bilden das historische Chodenland, darunter Klenčí pod Čerchovem, Postřekov und Draženov.
Erhalten sind hier weniger prächtige Fassaden als eine eigene Tracht, Dudelsackmusik und ein sehr lebendiges Bewusstsein für die eigene Geschichte. Im Sommer gibt es in Domažlice ein großes Trachtenfest, Termine stehen auf der Website der Stadt. Wanderwege führen von hier auf den Čerchov und weiter in den Böhmerwald, Bahnanschluss gibt es über Klatovy und die Region Pilsen.
Mährische Weinorte und Kellergassen
Im Südosten sieht ein Dorf ganz anders aus. Unter den Weinbergen stehen ganze Gassen aus kleinen Presshäusern, weiß gekalkt, mit tiefen Kellern dahinter. Das bekannteste Ensemble ist Petrov mit der Kellergasse Plže, deren Häuschen bemalte Fassaden tragen und als Denkmalreservat geschützt sind. In Šatov bei Znojmo gibt es einen von Hand ausgemalten Keller, in Pavlov unter den Pálava-Hügeln reihen sich die Presshäuser am Ortsrand.
In Vlčnov bei Uherské Hradiště findet der Ritt der Könige statt, ein Brauch, den die UNESCO 2011 als immaterielles Kulturerbe anerkannt hat. Solche Feste sind kein Programm für Touristen, sondern Dorffeste, bei denen Gäste willkommen sind. Die Weinregion insgesamt beschreiben die Seiten zu Südmähren, Mikulov und der Weinreise durch Mähren.
Gut zu wissen: Kellergassen sind Privatbesitz. Offen ist ein Keller, wenn die Tür aufsteht und jemand davor sitzt; dann darfst du fragen. Ein geschlossenes Presshaus ist keine Einladung. Und wer verkostet, fährt nicht.
Fachwerk und Umgebinde im Norden
Ganz im Norden, zwischen Turnov, Jablonec nad Nisou und der sächsischen Grenze, stehen Umgebindehäuser: unten eine Blockstube, außen herum ein Holzgerüst, darüber Fachwerk und Schiefer. Diese Bauform ist grenzüberschreitend und verbindet Nordböhmen mit der Oberlausitz. Besonders geschlossen ist das Ensemble in Vesec u Sobotky im Böhmischen Paradies.
Die Region Kokořínsko nördlich von Mělník kombiniert diese Häuser mit Sandsteinfelsen und engen Tälern. Für einen Tag ab Prag ist das eine ruhige Alternative zu den bekannten Ausflugszielen, mehr dazu unter Mittelböhmen und Region Reichenberg.
Ohne Auto wird es zäh
Das ist der unangenehme Teil: Für die meisten dieser Dörfer brauchst du ein Auto. Busse fahren nach Schul- und Arbeitszeiten, also früh am Morgen und am späten Nachmittag, und am Wochenende oft gar nicht. Wer trotzdem ohne Auto reist, plant zuerst die Rückfahrt und legt den Besuch auf einen Werktag. Suche immer mit dem tschechischen Ortsnamen, sonst findest du die Haltestelle nicht. Grundlagen stehen unter Tschechien mit dem Zug, für die Autofahrt gilt die elektronische Vignette, siehe Tschechien mit dem Auto.
Das Fahrrad ist in Südböhmen und Südmähren die beste Lösung, weil die Entfernungen zwischen den Dörfern klein und die Radwege gut ausgeschildert sind. Mit dem E-Bike sind auch die Weinberge machbar. Details dazu unter Radfahren in Tschechien.
Was du vor Ort nicht erwarten solltest
In vielen Dörfern gibt es keine Gaststätte, keinen Laden und kein Café, oder nur eine Wirtschaft, die mittags zwei Stunden offen hat. Nimm Wasser und etwas zu essen mit, und rechne nicht damit, mit Karte zahlen zu können. Toiletten sind selten. Wer übernachten will, findet meist Pensionen im nächsten Städtchen, nicht im Dorf selbst.
Dafür bekommst du etwas, das in den bekannten Altstädten fehlt: Ruhe, echte Landwirtschaft und Häuser, die nicht für Besucher hergerichtet sind. Wenn dir das zu wenig Programm ist, hänge das Dorf an einen Städtetag an, statt eine eigene Reise daraus zu machen. Ideen dafür stehen unter Tschechien Highlights und in der Tschechien-Rundreise.
Häufige Fragen
Kann man Holašovice ohne Auto erreichen?
Mit Mühe. Von České Budějovice fahren Busse, allerdings nach Schul- und Arbeitszeiten und am Wochenende sehr dünn. Die bessere Lösung ist das Fahrrad: Es sind knapp 20 Kilometer über flaches Land mit ausgeschilderten Radwegen. Prüfe die Rückfahrt, bevor du losfährst.
Kann man die Höfe in Holašovice von innen besichtigen?
Nein, das sind bewohnte Privathäuser. Sehenswert sind die Giebel und der Anger, dazu gibt es eine kleine Ausstellung im Ort. Wer Bauernhäuser von innen sehen will, ist in einem Freilichtmuseum wie Rožnov pod Radhoštěm oder in der südböhmischen Museumsanlage besser aufgehoben.
Was ist der Ritt der Könige?
Ein alter Brauch in der Mährischen Slowakei, am bekanntesten in Vlčnov: Ein Junge in Frauenkleidung reitet mit einer Rose im Mund als König durch den Ort, begleitet von einer berittenen Schar in Tracht. Seit 2011 zählt der Brauch zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO.
Wie viel Zeit braucht das Freilichtmuseum in Rožnov?
Für alle drei Teile einen ganzen Tag. Das nachgebaute Städtchen allein schafft man in gut einer Stunde, aber das Bergdorf mit Feldern und das Mühlental liegen ein Stück auseinander und sind großzügig angelegt. Mit Kindern lohnt es sich, dort einen kompletten Tag zu verplanen.
Sind die mährischen Weinkeller öffentlich zugänglich?
Die Kellergassen selbst kann man ablaufen, die einzelnen Presshäuser sind Privatbesitz. Offen ist ein Keller in der Regel dann, wenn die Tür aufsteht, meist an Wochenenden und in der Zeit nach der Lese. Einzelne Winzer bieten Verkostungen nach Anmeldung an.






