Auf einen Blick
- Lageumschließt die Hauptstadtregion Prag vollständig
- UNESCOKutná Hora seit 1995
- GegründetBurg Karlštejn ab 1348 unter Karl IV.
- FlüsseElbe (Labe) und Moldau (Vltava)
- VerwaltungssitzPrag, obwohl die Stadt selbst nicht zur Region gehört
- Beste ReisezeitApril bis Oktober
Eine Region ohne Mittelpunkt
Mittelböhmen ist die flächengrößte Region Tschechiens und die einzige, deren Verwaltung in einer Stadt sitzt, die selbst nicht dazugehört. Das klingt kurios, beschreibt aber gut, wie die Region funktioniert: Sie ist Vorgarten, Wasserversorgung und Wochenendziel der Hauptstadt.
Landschaftlich reicht sie vom flachen Elbeland im Norden über die Hügel des Böhmischen Karsts bis zu den Wäldern um Křivoklát im Westen. Wein wächst bei Mělník, Silber wurde in Kutná Hora gefördert, Kohle und Stahl kamen aus Kladno. Wer das nebeneinander sieht, versteht Böhmen besser als nach drei Tagen Prager Altstadt.
Die Orte, die sich lohnen
1 Kutná Hora
Das mittelalterliche Silberzentrum Böhmens und seit 1995 UNESCO-Welterbe. Die Barbara-Kathedrale ist eine der großen gotischen Kirchen Mitteleuropas, und in Sedlec liegt das Beinhaus, dessen Innenausstattung aus menschlichen Gebeinen besteht.
Das Beinhaus ist eine Grabstätte, kein Gruselkabinett. Fotografieren ist eingeschränkt, und eine gewisse Zurückhaltung gehört dazu. Details stehen auf der Seite zu Kutná Hora.
2 Burg Karlštejn
Karl IV. ließ die Burg ab 1348 als Aufbewahrungsort für Reichskleinodien und Reliquien bauen. Sie ist die bekannteste Burg des Landes und entsprechend gut besucht.
Vom Bahnhof läuft man 20 bis 30 Minuten bergauf durch den Ort, gesäumt von Souvenirständen. Die Innenräume sind nur mit Führung zugänglich, und die anspruchsvollere Route zur Heiligkreuzkapelle ist deutlich früher ausgebucht als die Standardtour. Mehr dazu unter Burg Karlštejn.
3 Mělník
Schloss und Kirche stehen auf einem Felssporn genau über der Stelle, an der die Moldau in die Elbe mündet. Der Blick von der Terrasse ist einer der besten Flussblicke Böhmens, und die Weinberge darunter gehören zu den nördlichsten des Landes.
Ein halber Tag reicht. Kombiniere Mělník mit einem Spaziergang am Wasser oder einer Weinprobe im Schlosskeller.
4 Mladá Boleslav
Die Stadt ist Firmensitz von Škoda, und das Werksmuseum ist der eigentliche Grund für einen Besuch. Für Technikinteressierte und Familien ist das ein voller Halbtag, für alle anderen eher ein Zwischenstopp.
Die Altstadt von Mladá Boleslav ist überschaubar und wird von der Industriegeschichte klar überstrahlt.
5 Beroun und der Böhmische Karst
Beroun liegt am Eingang zum Český kras, dem Kalksteingebiet zwischen Prag und Pilsen. Von hier führen Wander- und Radwege an der Berounka entlang zu Steinbrüchen, Höhlen und alten Kalköfen.
Beroun ist die Wahl für einen Tag draußen statt einen Tag in Museen. Der Bahnhof liegt an der Hauptstrecke Richtung Pilsen.
6 Poděbrady
Kurstadt an der Elbe mit Kolonnade, Park und einem Schloss, in dem Georg von Podiebrad aufwuchs. Die Anlage ist kleiner und stiller als die westböhmischen Bäder, dafür vom Bahnhof aus gut zu Fuß erreichbar.
Poděbrady passt, wenn du das Kurstadt-Thema kennenlernen willst, ohne bis nach Westböhmen zu fahren.
7 Příbram, Kolín und Kladno
Příbram verbindet den Wallfahrtsort Svatá Hora mit einer harten Bergbaugeschichte, die im Bergbaumuseum und an der Gedenkstätte des Uranabbaus erzählt wird. Das ist keine leichte Kost, aber ehrlicher als viele Museen.
Kolín an der Elbe hat eine gotische Kirche, eine Synagoge und einen jüdischen Friedhof und ist als Bahnknoten leicht zu erreichen. Kladno steht für Kohle und Stahl und ist eher ein Ziel für Industriegeschichte als für Altstadtbummel. Alle drei sind Ergänzungen, keine Hauptziele.
Křivoklát und die Burgenlandschaft
Westlich von Prag liegt Křivoklát, eine der ältesten Burgen Böhmens, mitten in einem Waldgebiet, das als Biosphärenreservat geschützt ist. Sie war königliches Jagdrevier und ist bis heute von tiefen Wäldern umgeben, in denen kaum Ortschaften liegen.
Dazu kommen Konopiště südöstlich von Prag, das Schloss des 1914 in Sarajevo ermordeten Thronfolgers Franz Ferdinand, mit einer außergewöhnlichen Waffensammlung, sowie Český Šternberk hoch über der Sázava. Wer sich für Burgen interessiert, kann in Mittelböhmen eine ganze Woche füllen, ohne dieselbe Bauform zweimal zu sehen.
Essen und lokale Spezialität
Mittelböhmen hat keine eigene Küche im engeren Sinn, weil es die Küche Prags mitisst. Zwei Dinge sind trotzdem regionsspezifisch: der Wein aus Mělník, wo die nördlichsten Weinberge Böhmens liegen und Rebsorten schon im 14. Jahrhundert angebaut wurden, sowie das Bier aus mehreren kleinen Brauereien der Region.
In den Gasthäusern der Kleinstädte isst du deutlich günstiger als in der Hauptstadt und meist ehrlicher. Die Speisekarte ist selten mehrsprachig, aber Svíčková, Guláš und Smažený sýr, der frittierte Käse, verstehen sich überall. Bezahlt wird in Kronen, Karte funktioniert fast immer.
Beste Reisezeit
Kladno liegt auf rund 390 Metern und ist damit etwas kühler als Prag: Der wärmste Monat ist der Juli mit Höchstwerten um 25 Grad, der Januar bleibt tagsüber bei knapp 3 Grad. Der Juni bringt den meisten Niederschlag, der März den wenigsten.
Für Burgen und Flusslandschaften ist die Spanne von April bis Oktober die richtige. Viele Burgen und Schlösser in Tschechien haben im Winter geschlossen oder öffnen nur an Wochenenden, deshalb ist eine Winterreise nach Mittelböhmen nur mit vorheriger Prüfung sinnvoll. Mehr dazu auf der Seite zu Burgen und Schlössern.
Anreise und Fortbewegung
Die einfachste Variante ist die Bahn ab Prag. Kutná Hora, Kolín, Beroun, Poděbrady und Mělník liegen an Regionalstrecken, viele davon im dichten Takt. Karlštejn erreichst du über die Strecke Richtung Beroun.
Mit dem Auto bist du ab Berlin in gut vier Stunden an der Regionsgrenze, ab München in etwa viereinhalb. Die elektronische Vignette ist auf Autobahnen Pflicht und wird online ans Kennzeichen gebunden gekauft. Praktisch ist das Auto vor allem für Křivoklát, den Karst und kleinere Orte ohne Bahnanschluss.
Tipp: Wenn du Prag als Basis nimmst, kaufst du für jeden Ausflug einfach ein Bahnticket bis zum Zielort. Eine eigene Unterkunft in Mittelböhmen lohnt sich erst, wenn du drei oder mehr Tage in der Region verbringst.
Basis oder Rundfahrt
Für die meisten Reisenden ist Prag die Basis und Mittelböhmen das Ausflugsprogramm. Wer die Region eigenständig bereisen will, nimmt Kutná Hora oder Mělník als Standort und fährt sternförmig. Eine echte Rundreise durch Mittelböhmen ergibt nur im Rahmen einer größeren Böhmen-Rundreise Sinn, weil die Region kein natürliches Zentrum hat.
Ehrlich eingeordnet
Mittelböhmen ist keine Region, in der man Urlaub macht, sondern eine, die man von Prag aus anzapft. Wer eine geschlossene Landschaft mit eigener Identität sucht, ist in Südböhmen oder im Böhmischen Paradies besser aufgehoben.
Für einen ersten Tschechien-Besuch ist die Kombination Prag plus zwei mittelböhmische Ausflüge dagegen kaum zu schlagen: kurze Wege, gute Bahnverbindungen, zwei UNESCO-Orte in Reichweite. Voll wird es vor allem an Karlštejn und in Kutná Hora, jeweils zwischen elf und drei Uhr an Sommerwochenenden. Wer früh fährt, hat beide Orte fast für sich.
Häufige Fragen
Kann man Kutná Hora und Karlštejn an einem Tag verbinden?
Technisch ja, sinnvoll nein. Beide liegen in entgegengesetzten Richtungen ab Prag, und beide brauchen inklusive Anfahrt einen halben bis ganzen Tag. Du würdest mehrere Stunden im Zug verbringen und beide Orte im Schnelldurchlauf abhaken. Nimm zwei Tage oder wähle einen aus.
Wie kommt man ohne Auto nach Karlštejn?
Mit dem Regionalzug ab Prag Richtung Beroun bis zur Station Karlštejn. Vom Bahnhof läuft man über die Berounka und dann 20 bis 30 Minuten bergauf durch den Ort zur Burg. Der Weg ist gepflastert und stellenweise steil, festes Schuhwerk hilft.
Lohnt sich eine Übernachtung in Mittelböhmen?
Nur wenn du mehrere Tage in der Region bleibst oder Prag bewusst meiden willst. Kutná Hora ist abends nach Abfahrt der Tagesbesucher ausgesprochen ruhig und dafür der beste Kandidat. Für ein oder zwei Ausflüge ist Prag als Basis praktischer und besser angebunden.
Was ist das Beinhaus in Sedlec?
Eine Friedhofskapelle bei Kutná Hora, deren Innenraum mit den Gebeinen mehrerer zehntausend Menschen gestaltet wurde, überwiegend Pesttoten und Gefallenen. Es ist eine Grabstätte und wird auch so behandelt: gedämpfte Stimme, angemessene Kleidung, eingeschränktes Fotografieren.
Braucht man in Tschechien eine Vignette für Landstraßen?
Nein, die Vignettenpflicht gilt nur für Autobahnen und einige Schnellstraßen. Sie ist elektronisch, ans Kennzeichen gebunden und wird online gekauft, Klebevignetten gibt es nicht mehr. Wer ausschließlich auf Landstraßen unterwegs ist, braucht keine, kommt aber langsamer voran.






